Ben

Als Ben vor nahezu 12 Jahren zur Welt kam, ahnten wir bereits sofort, dass ein Leben mit ihm ein großes Erlebnis werden wird. Ben war eine sogenannte „Mangelgeburt“.Er war mit 2000 Gramm das kleinste Baby auf der ganzen Station.

Doch bereits von Anfang an kämpfte er um sein Leben. Er war ein liebes und sehr feinfühliges Kind. Er konnte von Anfang an seine Umwelt für sich gewinnen. Nach einer 3-fach Impfung im 15. Lebensmonat bekam er einen sehr schweren epileptischen Anfall. Nach dem Krankenhausaufenthalt war den Ärzten zunächst klar, dass es sich um Fieberkrämpfe handelt. Doch die Entwicklung verzögerte sich nun erheblich. Mit 18 Monaten konnte Ben endlich laufen, nachdem er eine sehr intensive Krabbelphase hinter sich hatte. Auch jetzt krabbelte er eigentlich lieber und war oft sehr langsam in seinen Bewegungen. Was jedoch sehr bemerkenswert war, dass er einen sehr intensiven Blick hatte. Mit großen und wachen Augen zog er alles in seinen Bann.

12 Krampfanfälle folgten in regelmäßigen Abständen und immer mit den notwendigen Krankenhausaufenthalten. Inzwischen waren sich die Ärzte nicht mehr sicher, ob es sich nicht doch um eine richtige Epilepsie handelt. Somit verschrieben sie Ben schwere Medikamente, um ihn vor den Krampfanfällen und dem damit verbundenen Sauerstoffmangel zu schützen. Da er aber in einer wichtigen Entwicklungsphase steckte (Sprachentwicklung und motorische Entwicklung) verzögerte sich die Entwicklung aufgrund der Medikamente weiterhin erheblich. Vor allem die Sprachverzögerung machte uns große Sorgen. Im heilpädagogischen Kindergarten war er unterfordert. Mit 6 Jahren entschieden wir uns für den Regelkindergarten, in dem er sein Vorschuljahr verlebte. Er hatte viele Freunde und tolle Kontakte zu den anderen Kindern, vornehmlich allerdings Mädchen. Er war sehr beliebt und genoss das Jahr sichtlich.

Nach vielen Monaten der Angst vor immer wiederkehrenden Anfällen suchten wir eine Heilpraktikerin auf, die uns bestätigte, was wir bereits immer geahnt hatten. Es handelte sich bei den ganzen Anfällen um eine Schädigung infolge einer 3fach-Impfung. Nach der Ausleitung der vielen Begleitstoffe der Impfung war Ben direkt anfallsfrei. Die Ärzte konnten in seinem EEG keine Krampfbereitschaft mehr feststellen und sprachen von einem Wunder.

Doch im 1. Schuljahr kippte die ganze Situation wieder ins Negative. Ben tat sich sehr schwer mit dem Frontalunterricht. Er fühlte sich nicht angesprochen und blockierte auf ganzer Linie. Er konnte sich immer schlechter konzentrieren und machte einfach nicht mehr mit. Immer mehr fing er an, die anderen Kinder zu ärgern. Er trat den Kindern auf dem Schulhof in die Hacken und wurde immer mehr ausgegrenzt. Die Mädchen, die im Kindergarten seine besten Freunde waren, liefen vor ihm weg. Dieses Verhalten konnte er nicht verstehen und ärgerte sie noch mehr, um die Aufmerksamkeit zu bekommen. Es war eine einzige Katastrophe. Jeden Tag gab es Beschwerden von Seiten der Lehrer aber auch der anderen Eltern. Zum Ende der 1. Klasse entschlossen wir uns dazu, Ben in eine Schule mit Schwerpunkt Lernen zu versetzen. Hier wurde es schlagartig besser. Seine Lehrerin mochte ihn, und Ben mochte sie. Somit war er offen für neue Lerninhalte und lebte förmlich auf. Leider nur 1 Jahr. Die Lehrerin verließ die Schule und eine neue Lehrerin übernahm die Klasse. Sofort verschlechterte sich die Situation wieder. Ben blockierte und nahm nichts mehr auf. Er verlor seine Kontakte wieder, die er sich im 2. Schuljahr aufgebaut hatte. Sein Verhalten den anderen Kindern gegenüber war nicht tragbar. Die Lehrerin zeigte für ihn keinerlei Verständnis. Mit lautem Schreien und viel Druck verleidete sie ihm die Schulzeit. Inzwischen erfuhren wir, dass es auch den anderen Kindern in der Klasse so erging, doch wir konnten nichts bewirken.

Zum Ende der 4. Klasse wurde die Lehrerin sehr schwer krank, und die Klasse wurde von einer anderen Lehrkraft unterrichtet. Sofort ging die Laune von Ben wieder in die Höhe. Die Leistungen wurden sichtlich besser und auch seine Motivation stieg wieder an. Sein schwerstes Fach ist Mathe, Zahlen sind ihm einfach nicht geheuer. Doch mit dem großen Verständnis seiner Lehrerin erkämpft er sich so langsam die Welt der Zahlen. Er begreift plötzlich Zusammenhänge und liest die Uhr. Das was in den vergangenen Jahren nicht möglich war, funktioniert nun endlich.

Auch hatten wir gehört, dass es eine sogenannte Winkelfehlsichtigkeit gibt. Beim Augenarzt belächelte man uns und schickte uns wieder weg. Doch da Ben beim Lesen immer so unkonzentriert war und sich immer wieder von den Buchstaben abwandte, um die Augen zu entspannen, nahmen wir Kontakt mit einem Optiker auf. Dieser ist sehr kompetent und beriet uns entsprechend. Nun hat Ben auch noch eine Prismenbrille, die ihm unwahrscheinlich gut tut. Er konnte sofort besser lesen und schreiben, und auch die Konzentration wurde erheblich verbessert.

Nun, in der 5. Klasse geht er wirklich gern in die Schule. Er macht tolle Fortschritte und es wird ihm bereits bescheinigt, dass auch sein Verhalten den anderen Kindern gegenüber sehr viel besser geworden ist. Er hört mehr zu und reflektiert sein Verhalten. Seine jetzige Lehrerin ist nach wie vor sehr verständnisvoll und hat ihn sehr gut durchschaut. Auf Grund seiner Lebensgeschichte gibt sie ihm viel Zeit für seine Persönlichkeitsentwicklung. Sie konfrontiert ihn mit seinem Verhalten und arbeitet mit ihm an seinem Selbstwertgefühl, welches total im Keller war.

Wir sind guter Dinge, dass Ben sich weiterhin gut entwickeln wird – und wir sind sehr dankbar, dass er uns mit seiner Geschichte feinfühlig gemacht hat für die vielen unterschiedlichen Merkmale, die ein Mensch aufweisen kann.