Max

 

Max ist der erste von drei Söhnen. Schon die Schwangerschaft war irgendwie anders. Max war ständig am rumzappeln und ich habe mir schon Sorgen gemacht, wenn er sich mal eine Stunde nicht bewegt hat.

 

Auch als Baby war er sehr unruhig. Er hatte immer nur sehr wenig getrunken, dafür wollte er aber alle zwei Stunden etwas. Vor allem nachts kam er nicht zur Ruhe.

 

Auch später war er recht unruhig. Hat nicht laufen, sondern rennen gelernt. Er faszinierte sich besonders für Bewegungen und drehende Dinge. Oft beugte er sich weit aus dem Kinderwagen, um die drehenden Räder zu beobachten. Oder er drehte ausdauernd an den Rädern von seinen Spielzeugautos. Das macht er sogar heute noch. Manchmal legt er sein Fahrrad hin, um das Rad zu drehen.

 

Mit drei Jahren habe ich Max in den Kindergarten gebracht. Bis dahin bin ich einigermaßen gut mit ihm klar gekommen. Aber aus dem Kindergarten kamen immer wieder Beschwerden. Max kletterte auf die Schränke, konnte sein Spiel nicht beenden und rastete immer wieder aus. Es gab Zeiten, wo es mir davor graute, ihn aus dem Kindergarten abzuholen, weil ich die ganzen Beschwerden nicht mehr hören mochte.

 

Max war im Verhalten meinem Neffen, bei dem ADHS diagnostiziert wurde, sehr ähnlich. Also kam in mir immer mehr die Vermutung auf, dass er es auch haben könnte. Bei der Vorsorgeuntersuchung mit vier Jahren, sprach ich die Kinderärztin darauf an und bat sie um einen Überweisungsschein für das SPZ. Die Vorsorgeuntersuchung verlief ohnehin schon sehr schwierig, weil Max die ganze Zeit abwesend war und gar nicht richtig mitmachen konnte. Der Hörtest lief auch nicht, weil er sich nicht konzentrieren konnte.

 

Die Ärztin schrieb uns eine Überweisung für den HNO, um abzuklären, ob Max richtig hören kann. Die HNO-Ärztin stellte keine Hörstörung fest und überwies Max zum Logopäden, da er nicht altersgerecht sprach.

 

Den SPZ-Termin bekam ich erst ein Jahr später. Dort wurde bei Max ein IQ-Test gemacht, bei dem er mit 115 abschnitt. ADHS wurde ausgeschlossen, dafür aber der Verdacht auf eine Auditive Wahrnehmungs- und Verhaltensstörung (AWVS) gestellt. Der Test dafür konnte aber erst mit 6 Jahren gemacht werden. Max bekam noch eine Ergotherapie zur Konzentrationssteigerung.

 

Das Jahr hing ich mit meinem Sohn mächtig in der Luft. Wir besuchten zwar fleißig die Logo- und Ergotherapien, aber Max wurde immer auffälliger. Die Beschwerden aus dem Kindergarten wurden immer mehr, die Chefin warf mir Inkonsequenz vor und meinte, ich würde meinen Sohn nicht richtig erziehen.

 

Auch in der Kirche war es sehr schwierig. Es kamen Sprüche wie „ Erziehung fängt zu Hause an!“ Einfach nur, weil Max nicht ruhig sitzen bleiben konnte.

 

Als ich mit meinem jüngsten Sohn bei unserer Kinderärztin war, fragte sie mich, wie es denn gerade mit Max läuft. Ich brach nun in Tränen aus, erzählte ihr, dass alles immer schlimmer wird und das SPZ auf meine Hilfeschreie nicht reagiert. Die Ärztin erzählte mir vom IZH und einer Sprachheilschule in unserer Nähe. Das war für mich ein Hoffnungsschimmer, den ich auch gleich nutzte.

 

Ich holte mir im IZH einen Termin. Bei dem Gespräch riet mir die Therapeutin zu einer Zweitmeinung und schlug mir auch gleich einen Arzt vor, der sich auf ADHS spezialisiert hat.

 

Ich ging dem auch nach und der Arzt diagnostizierte nach mehreren Sitzungen ADHS.

 

Nebenher erkundigte ich mich bei der Sprachheilschule, über einen Platz. Ich bekam dann ein Beratungsgespräch und musste einen Antrag stellen. Dann wurde geprüft, ob Max in die Sprachheilschule aufgenommen werden sollte. Der Antrag wurde abgelehnt. Allerdings sollte er eine Sprachförderung in der Grundschule bekommen.

 

Inzwischen wurde Max sechs Jahre alt und ich konnte endlich mit ihm den Test auf AWVS machen lassen. Allerdings stellte die HNO-Klinik fest, dass Max auf dem linken Ohr schlecht hört, weil dort Flüssigkeit drin war. Außerdem waren seine Polypen geschwollen. So konnte der Test erst einmal nicht gemacht werden.

 

Die Therapie, um den Druck vom Ohr wegzubekommen, schlug fehl und so sollte mit einer OP nachgeholfen werden. Dabei sollten auch gleich die Polypen entfernt werden. Den Termin habe ich relativ schnell bekommen, die OP wurde aber kurzfristig abgesagt, weil seine Gerinnungswerte nicht in Ordnung waren. Der Arzt riet mir Max in der Gerinnungsambulanz untersuchen zu lassen.

 

Dort wurde bei Max das Von-Willebrandt-Syndrom festgestellt. Für einen Minirin-Test musste er eine Nacht dort in der Klinik bleiben. Ein Horror für ihn, da er mit drei Jahren eine Spritzenphobie entwickelt hatte und sich seitdem mit Händen und Füßen dagegen wehrt.

Mit Hilfe der Ergebnisse, konnte Max nun mit entsprechendem Medikament operiert werden.

 

Zeitgleich beantragte ich mit der ADHS-Diagnose bei der Krankenkasse und beim Jugendamt eine Übernahme der Kosten für eine Therapie im IZH. Die Krankenkasse lehnte, wie erwartet ab. Das Jugendamt aber auch. Mit der Begründung, dass sie keine Diagnosen mehr von diesem Arzt akzeptieren. In einem Gespräch wurde mir gesagt, dass ich mich entweder an das SPZ oder an die KJP wenden soll.

 

Max ging inzwischen in die Schule und die Probleme gingen weiter, obwohl er eine sehr verständnisvolle Lehrerin hat. Ich holte mir einen Termin bei der KJP und aufgrund der widersprüchlichen Verhaltensweisen von Max riet mir die Psychologin zu einem vier- bis sechswöchigem Aufenthalt in der KJP.

 

Die Entscheidung fiel mir wirklich schwer, andererseits wollte ich, dass Max endlich geholfen wird. Anfangs freute sich Max, weil es dort so viel tolles Spielzeug gab. Mit der Zeit, wurde aber der Kampf, ihn nach dem Wochenendbesuch wieder in die Klinik zu bekommen, immer größer. Mein Mittlerer zog sich innerlich zurück, weil er mit der Situation nicht klar kam. Der Kleine fragte ebenfalls ständig nach seinem Bruder. Auch ich wollte Max einfach nur wieder zu Hause haben.

 

Nach vier Wochen habe ich beschlossen den KJP-Aufenthalt abzubrechen. Die Psychologin, stellte einen Verdacht auf Asperger-Autismus und bestätigte das ADHS. Mündlich sicherte mir die Psychologin zu, dass Max autistische Züge hätte. Für eine schriftliche Diagnose wollte sie ihn aber weitere sechs Wochen dort behalten. Ich bekam das Gefühl, dass es hier nicht mehr nur um meinen Sohn ging, sondern auch um Geld.

 

Die KJP-Diagnose reichte dem Jugendamt aus, um eine Therapie mit Hilfe der Autismus-Ambulanz zu bezahlen. Diese ist inzwischen angelaufen. Seit einigen Monaten kommt eine Therapeutin einmal pro Woche in die Schule und in den Ferien zu uns nach Hause. Zur Zeit baut sie sein Selbstbewusstsein auf, damit er sich nicht so leicht provozieren lässt. Diese Woche hat sie im Unterricht hospitiert und möchte damit der Lehrerin helfen, richtig mit Max umzugehen.

 

Den AWVS-Test haben wir inzwischen auch durch. Der ergab, dass Max eindeutig keine auditive Wahrnehmungsstörung hat. Auch der SI-Test ergab, dass Max keine Sensorische Integrationsstörung hat.

 

Auch wenn es bis hier her ein schwerer Kampf war, muss ich im Nachhinein sagen, dass sich dieser gelohnt hat. Alles hat einen Namen, ich habe mich mit den Krankheitsbildern von Asperger-Autismus und ADHS auseinandergesetzt und verstehe Max' Verhalten. Anfangs habe ich damit alles  entschuldigt, mittlerweile kämpfe ich gemeinsam mit Max. Wir suchen gemeinsam nach Lösungen, um sein Verhalten, mit dem er sich Probleme einhandelt, zu ändern.

 

In unserer Gemeinde habe ich viel aufgeklärt und die meisten Geschwister, akzeptieren Max so wie er ist.

 

Mein Max ist wirklich ein außergewöhnliches, wenn auch anstrengendes Kind. Ich könnte ihn jeden Tag knuddeln, nur leider mag er das nicht.