Unsere zwei Töchter sind in diesen Tagen aus zwei Anlässen mal wieder im elterlichen Zuhause. Der traurige beruht auf dem Abbleben ihrer Oma vor wenigen Tagen, der fröhliche im gemeinsamen Begehen des Osterfestes 2011.

 

Und dieses Chance lässt sich Ihr Bruder – unser Sohn – nicht entgehen.

 

Er hält beide Schwestern fast pausenlos auf Trab, momentan

findet ein Spieleabend statt, der mit „youtube - live acts“ garniert ist.

Die Mama hatte sich bereiterklärt, an zwei Spielen teilzunehmen . Das war dem Junior zu mager, darum durfte sie gleich komplett auf die Teilnahme verzichten. Der Papa ist durch einen cleveren Schachzug

der Schwestern ebenfalls freigestellt.

 

Ein 3-stündiger Spieleabend mit unserem verhaltensoriginellen Sohn verlangt die Ausdauerkraft eines Marathonläufers, die Geduld einer Weinbergschnecke, die Konzentration eines Schachspielers und die Dickhäutigkeit eines Benjamin Blümchens.

 

Das traute sich der Papa dann am Ostersonntagabend von 20:15

bis 23:15 dann doch nicht vollständig zu und wurde durch folgenden Umstand „disqualifiziert“: Die Teilnahmebedingung für ein U30-Event wurde um fast 40 % überschritten. (Wer keine Lust zum Rechnen hat: Papa ist noch U50.

 

 

Beide Eltern hatten also unverhofft Glück und einen Abend, der Raum für die Erfüllung eigener Wünsche ließ.

Solche Augenblicke waren in den letzten 14 Jahren so rar, dass sie auf einer Seite dieses Buches Platz finden würden. Um evtl. aufkommende Missverständnisse gleich mal im Keime zu ersticken:

Unser Sohn hat unsere ungeteilte Aufmerksamkeit seit seiner Geburt gegen Ende des 20. Jahrhunderts und zwar 24 Stunden 7 Tage je Woche.

Die hat ihm auch gut getan und er konnte die Säuglings-, Kleinkind-, Kindergarten- und Grundschulzeit an seinen Lebensumständen gemessen erfolgreich erleben . (Ich muß mal kurz pausieren, das

Spieleabendteam braucht meinen Schreibplatz für einen „Chris Brown - Yeah 3x live act“ ...nun darf ich weiterschreiben .) Voraussetzung dafür war eben die unermüdliche und ständige Unterstützung durch Papa und Mama.

Wir bekamen dabei hin und wieder auch selbst Unterstützung und können dabei insbesondere die Oma, die nun leider seit wenigen

Tagen nicht mehr auf dieser Erde weilt, hochachtungsvoll erwähnen.

Ihr Ableben ist aber kein „Verdienst“ unseres Juniors, sondern der Gebrechlichkeit des menschlichen Körpers und dem allmächtigen Willen Gottes geschuldet. Sie hat es trotz ihren hohen Alters glänzend

verstanden, den schier unbeugsamen Aufmerksamkeitsdrang unseres Sohnes zu befriedigen, und Langeweilegedanken mit Zuwendung und aufopfernder Liebe im Ansatz zu beseitigen.

(Im Hintergrund tobt der Spieleabend, Söhnchen fühlt sich offensichtlich pudelwohl, bei den Schwestern sind noch keine Verschleißerscheinung offensichtlich).

Eine Frage, die schon seit dem INBEKI-Treffen Oktober 2010 eine Antwort besitzt, drängt sich dennoch immer wieder – so auch jetzt – ins Gedächtnis: Darf man bei einem Gottesdienst, den der höchste geistliche Würdenträger unserer neuapostolischen Kirche („ Die loosen ja voll ab, ich bin der Beste“ – tönt’s gerade aus dem Spielezimmer) am kommenden Wochenende in Herne für benachteiligte Menschen halten wird, fehlen ? Ja, man darf. Man sollte nicht, aber man darf.

An dieser Stelle endet die Einleitung für einen spannenden Streifzug durch das Leben einer Familie mit einem 14-jährigen (aus medizinischer und sozialer Sicht) benachteiligten Jungen, der in wenigen Jahren ein selbstständiges und eigenverantwortliches Leben als Christ, der

mit beiden Beinen erfolgreich im Leben stehen wird, meistern wird.

 

Zum Schluß noch eine kurze Erläuterung zur Idee dieses Streifzuges:

Meine Frau sagte in diesen Tagen, ich brauche eine Aufgabe, die mich fordert.

Das hat mich verblüfft: Über mangelnde Auslastung meiner zeitlichen und physischen Möglichkeiten kann ich mich nicht beklagen und für persönliche Bedürfnisse blieb in den letzten 14 Jahren wenig

Spielraum.

Das ist auch nicht der Punkt. Aber in den letzten Wochen traten offensichtlich (von Gott geschenkte !) Gaben und Kräfte zu Tage, die ein Betätigungsfeld benötigen (Der Spieleabend im Hintergrund läuft zur Freude der Beteiligten auf Hochtouren, besonders das

Söhnchen ist absolut happy) . Den Gedanken, eine Selbsthilfegruppe verantwortlich zu leiten, habe ich aus Zeitgründen nicht konsequent verfolgen können. Der direkte Kontakt zu Hilfebedürftigen und die unmittelbare Hilfestellung erscheinen mir noch wichtiger. Dies

habe ich in Einzelbetreuung für unseren Sohn gelebt. Ferner bin ich auch nicht der für organisatorische Aufgaben erforderliche Manager oder Leader. Dieser Zwiespalt – Engagement im größeren Umfang zeigen wollen aber durch die (gewollte) „Einzelmaßnahme“ nicht praktizieren können – war in der Vergangenheit oft recht belastend.

Nun braucht unser Sohn (Stichwort „Spieleabend ohne Oldies“) nicht mehr 1440 Minuten täglich die Unterstützung durch Mama oder Papa und einen Streifzug kann man ja auch unterbrechen, wenn der Junior (wie jetzt gerade) Aufmerksamkeit erwartet.

Und nun kommt der Punkt :

Dieser Streifzug soll zur Aufklärung und Ermutigung geforderter Eltern beitragen, die ihr benachteiligtes Kind teilhaben lassen möchten an den glückliche und auch trüben Stunden ihres Lebens und ihm eine wohlige Nestwärme (trotz Regenschauer, Schneesturm,

brütender Hitze, eisiger Kälte – die allesamt zum Leben gehören) bereiten wollen.

 

Samoth Relluem

Greiz, 24.04.2011